Seniorengenossenschaft Riedlingen und die Kräfte der Zivilgesellschaft

Bildnachweis: FemmeCurieuse / photocase.com

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Demographischer Wandel und sich verändernde soziale Strukturen stellen insbesondere den ländlichen Raum vor enorme Herausforderungen. Eine Antwort der besonderen Art gibt seit fast 20 Jahren das Bürgerprojekt der Seniorengenossenschaft Riedlingen. In dem kleinen südlich von Stuttgart gelegenen Ort bestreiten aktive Senioren ein Unterstützungs-Netzwerk für ältere Menschen mit Hilfebedarf, in dem sie Essen ausliefern, im Haushalt helfen oder Fahrdienste zum Arzt übernehmen. Selbst Wohnberatung und ein Pflegedienst sind zwischenzeitlich aus eigener Kraft entstanden.

Der heute 74-jährige Initiator Josef Martin nennt die möglichst lange Selbstständigkeit der hilfesuchenden Senioren in ihren eigenen vier Wänden als maßgebliches Ziel. Damit diese Hilfen sich möglichst alle leisten können, setzen die Riedlinger Genossen auf das bürgerschaftliche Engagement der rüstigen Alten am Ort, denn eine Vollversorgung zu Hause durch professionelle Dienstleister können sich mit bis zu 5000 Euro pro Monat nur die Wenigsten leisten. Selbst ein Platz im Pflegeheim schlägt nicht selten mit 3000 bis 4000 Euro im Monat zu Buche. Bei gleichzeitig sinkenden Renten und einer Pflegeversicherung, die immer mehr unter Druck gerät – ein Viertel aller Deutschen sind bereits heute schon über 60 und bis 2050 werden es 40 % sein – wird die zunehmende Bedeutung ergänzender Systeme in der Altersversorgung deutlich.

Die 650 Mitglieder der Riedlinger Seniorengenossenschaft mit ihren 113 aktiven helfenden Senioren haben die Zeichen der Zeit offensichtlich schon früh erkannt und erfolgreich eine Vermittlung zwischen hilfebedürftigen und hilfeanbietenden Senioren aufgebaut. Jede geleistete Stunde Hilfe wird dokumentiert und auf einem Zeitkonto gutgeschrieben. Die so angesammelten Stunden können die aktiven Senioren später im Bedarfsfall gegen Hilfe zurücktauschen. Eine Altersvorsorge mit der inflationssicheren Währung Zeit wird aufgebaut – einfach, aber alles andere als simpel!

Alternativ zum Zeitkonto können Hilfsdienste auch in Euro bezahlt werden, denn nicht jeder Hilfesuchende hat bereits ein Zeitkonto angespart, von dem er „abbuchen“ kann. Und auch nicht wenige der Helfer nehmen lieber eine Bezahlung in Euro entgegen, um so beispielsweise ihre Rente aufzubessern. Die Hilfeempfangenden zahlen dabei eine Pauschale von 8,20 Euro an die Genossenschaft, wovon 6,15 Euro an die Helfer ausgezahlt werden. Die Differenz verbleibt in der Genossenschaft, die damit ihre Kosten für die gesamte Organisation bestreitet und z.B. auch den Versicherungsschutz der Akteure sicherstellt.

Der gemeinnützige Verein als Träger der Seniorengenossenschaft Riedlingen hat zuletzt Einnahmen von 570.000 Euro jährlich erzielt und konnte 2009 einen Gewinn von über 100.000 Euro erwirtschaften. Trotz des beachtlichen Umfangs ist den Riedlingern wichtig, dass sie nicht dem wirtschaftlichen Druck professioneller Pflegedienste unterliegen und so noch genügend Zeit für menschliche Zuwendung bleibt. Zugleich kann aber auch die Fachlichkeit gewährt werden, da die Einrichtungen der Genossen von ausgebildeten Profis geführt werden. Eine Abrechnung ist so auch über die Pflegeversicherung möglich.

Konrad Hummel, der als Soziologe Anfang der 1990er Jahre im Auftrag des damaligen Ministerpräsidenten Späth das Modellprojekt Seniorengenossenschaft mit auf den Weg brachte, bestätigt diesem Ansatz seine Wirksamkeit sowie seine gesamtgesellschaftliche Relevanz: „Endlich entdecken wir die Kräfte der Zivilgesellschaft.“

Quelle: Wirtschaftsmagazin Brand Eins, Ausgabe 04/2010; S. 123 – 127; http://www.brandeins.de/archiv/2010/lebensplanung/geben-und-nehmen.html

Autor: Ludger Schulte-Remmert, Lippstadt-Dedinghausen, ludger.schulte-remmert@web.de

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