Solidarische Ökonomie – ein Modell für unsere Dörfer und Regionen

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Foto: Paul Israel Singer (Quelle: ANTONIO CRUZ-ABR ; Antonio Cruz/ ABR / CC-by-sa-3.0 Brazil)

Stellen Sie sich vor, Sie leben in einem ländlich geprägten Ort einer strukturschwachen Region und der letzte große Arbeitgeber ist von der Pleite bedroht – das übliche Szenario wäre hier eine Wandlung zum Schlafdorf und langfristig der schleichende Niedergang des Dorfes durch den Wegzug junger Familien. Doch nun geschieht etwas bisher unvorstellbares – die Angestellten, die bislang um ihren Arbeitsplatz bangen mußten, werden plötzlich zu Eigentümern des Unternehmens, die damit ihre eigene Zukunft in die Hand nehmen.

Angesichts schrumpfender Infrastruktur und alarmierender Arbeitsplatzentwicklung in ländlichen Räumen lohnt es sich, die Aufmerksamkeit auf ein Wirtschaftsmodell zu lenken, das sich vor allem in Lateinamerika schon lange Zeit erfolgreich bewährt hat und auch als Vorbild für europäische Regionen taugen könnte. Ein Interview in der Süddeutschen Zeitung vom 03. August mit Paul Israel Singer beleuchtete anschaulich, wie ein solches Wirtschaften funktionieren und ganze Landesteile vor dem ökonomischen Niedergang bewahren kann. Singer ist als Staatssekretär bei der brasilianischen Regierung Berater für solidarische Ökonomie, die sich dort während der Rezession in den 80er Jahren ausbreitete und mittlerweile einen Anteil von 3 % an der gesamten Wirtschaftsleistung einnimmt.

Das Prinzip ist auf allen Ebenen auf einen einfachen Nenner zu bringen: Kooperation statt Konkurrenz – und dies gilt sowohl betriebsintern als auch im Zusammenspiel der Betriebe untereinander. Gerade für Unternehmen, die von der Pleite bedroht sind, und wo daher die Belegschaft angesichts der wirtschaftlichen Situation zu größeren Zugeständnissen bereit ist, um das wirtschaftliche Überleben zu sichern, kann dieser genossenschaftliche Weg die langfristig tragbarste Lösung sein, da kurzfristige Gewinninteressen hier für die Strategie keine Rolle mehr spielen.

Ob es sich um Produktionsgenossenschaften sein, die ihre Produkte untereinander austauschen oder um ehemalige Staatsbetriebe, die in Gemeinschaftseigentum überführt werden – entscheidend ist bei diesem Weg, dass das Interesse der Belegschaft vor dem Interesse der Banken rangiert, das Überleben des gesamten Unternehmens hat Vorrang vor Kapitalinteressen. So werden die Beschäftigten von abhängigen Lohnempfängern zu mitbestimmenden Genossen – dies bringt auch mehr Verantwortung und Mitbestimmung für das Personal mit sich und ist daher nicht überall selbstverständlich. Wenn jedoch der Beschäftigte gleichzeitig Eigentümer ist, hat er ein vitales Interesse daran, was im Unternehmen vor sich geht, man spricht hier von einer Interessen-Konvergenz.

Es liegt in der Natur der Sache, dass hier als Partner aus dem Finanzsektor hauptsächlich Institute der solidarischen Finanzwirtschaft infrage kommen, so z.B. Gemeindebanken, die sich im Besitz der Bewohner befinden. In Dörfern, wo sich bereits Gemeinschafts-Einrichtungen in Genossenschaftshand befinden oder ganze Dorfgenossenschaften ins Leben gerufen wurden, können diese Erfahrungen an weitere Wirtschaftszweige weitergegeben werden, wenn es darum geht, Arbeitsplätze und damit junge Familien am Ort zu halten. Mögen solche Beispiele weiter Schule machen und den ländlichen Raum am Leben erhalten – und damit möglichst viele ländliche Orte vor dem Schicksal eines Schlafdorfes bewahren!

Quelle: Südeutsche Zeitung; http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/paul-israel-singer-solidarische-oekonomie-ist-die-waehrung-der-arbeitslosen-1.2593270

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