Unser Dorf hat Zukunft!

Veranstaltung am 8.12.2016 in Müllheim-Britzingen

Der Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ wirft auch im Südwesten Deutschlands seine Schatten voraus. Der Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz, Peter Hauck, ist Schirmherr einer landesweiten Veranstaltungsreihe, die die aktiven Dorfgemeinschaften in Baden-Württemberg für eine Teilnahme an dem Dorfwettbewerb im nächsten Jahr begeistern wollen.

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Vortrag Britzingen © Manuela Heyd

Uns hat gefreut, dass die Akademie Ländlicher Raum Baden-Württemberg den Geschäftsführer der ARGE Dorfentwicklung, Hartmut Lüdeling in den badischen Weinort Müllheim-Britzingen eingeladen hat, auf einer dieser Veranstaltungen einen Fachvortrag zur Nachhaltigen Dorfentwicklung zu halten.

Der Dorfwettbewerb

Dr. Konrad Rühl vom Ministerium erinnert in seinem Grußwort an die Geschichte des Wettbewerbs, der 1961 als Dorfverschönerung-Wettbewerb begann und sich heute unter dem Motto: „Unser Dorf hat Zukunft“ mehr der Gesamtentwicklung der Dörfer befasst. Es geht um die Interessen der Dörfer und da sei der kommende Wettbewerb eine gute Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und Erreichtes und künftige Planungen zu präsentieren. Ziel dieser Veranstaltung sei es, das bisherige niedrige Beteiligungsniveau anzuheben, da sich in der vergangenen Periode landesweit nur 50 Dörfer beworben hatten. Frau Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich aus Müllheim schließt sich an und gibt einen kurzen Überblick aus ihrer Sicht über die Ergebnisse und Visionen der Stadt Müllheim und ihrer Ortsteile.

Förderregelungen in Baden-Württemberg

Interessant sind die Förderbedingungen, mit denen Baden-Württemberg die ländliche Entwicklung vorantreiben möchte. Markus Weißer vom Referat 32 der Bezirksregierung Freiburg beschreibt die verschiedenen Förderinstrumente. Schwerpunkt ist das Programm ELR, das mit 52 Mio € allein aus Mitteln des Landeshaushalts finanziert wird. Zusätzlich werden EU-Mittel für das Programm MEPL zur Kofinanzierung eingesetzt. Aus diesem Budget stehen für das bekannte LEADER-Programm 12 Mio € für den Zeitraum 2014 – 2020 zur Verfügung. Der Ländliche Raum umfasst im Bundesland 69 % der Fläche und 35 % der Bevölkerung.

(Zum Vergleich umfasst der Ländliche Raum in Nordrhein-Westfalen 86 % der Fläche und es leben dort 46 % der Bevölkerung. Der vergleichbare Förderanteil beträgt 83 Mio €, kofinanziert durch EU-Mittel. Dazu kommen die Mittel aus dem LEADER-Programm .— eigene Ermittlungen)

DORV-Projekte

Der Architekt Jürgen Lauten, zugleich Ortsvorsteher aus Bühl-Eisental, berichtet von einem erfolgreichen Modell der Nahversorgung auf bürgerschaftlicher Basis, dem „DORV-Zentrum“ als Projekt für Menschen und Lebensräume. DORV steht dabei für Dienstleistung und Ortsnahe Rundum-Versorgung. Ziel dieser Projekte ist, nicht nur die dörfliche Grundversorgung mit Lebensmitteln im Ort zu sichern, sondern auch die anderen Bedürfnisse wie sozial-medizinische Versorgung, Behörden-, Post-, Bank,- Reinigungs- und andere Dienstleistungen auf machbarem Niveau gebündelt anzubieten. Darüberhinaus ist es wichtig, Räume für ein Miteinander und Kulturangebote zu vernetzen.

Herr Lauten berichtet begeistert von bürgergeplanten und umgesetzten Dorfläden, in denen auch Kinder wieder lernen können einzukaufen und die helfen, dass Menschen möglichst lebenslang in der gewohnten sozialen Umgebung selbstbestimmt leben können.

Nachhaltige Dorfentwicklung

Über die Erfahrungen der ARGE Dorfentwicklung bei der Erarbeitung eines nachhaltigen Dorfentwicklungskonzepts berichtet Hartmut Lüdeling unter dem Motto: „Gemeinsam mit Bürgern starke Dörfer schaffen“.

Dörfer sind kein Auslaufmodell sondern auch in größeren Gemeinden wichtige Zellen eines großen Organismus. Eine nachhaltige Dorfentwicklung stärkt in besonderer Weise das größere Ganze. Die Verteilung der Altersjahrgänge (Demographiebaum) ist ein wichtiges Hilfsmittel zur Beurteilung der Ausgangssituation. Gut ablesbar sind bei den meisten Dörfern die Zu- und Wegzüge der jungen Erwachsenen im Zuge deren Ausbildung. Meist sind es die jungen Frauen, die zuerst zum Studienort umziehen, ein paar Jahre versetzt folgen ihnen die jungen Männer. Dramatisch ist in vielen Orten, dass die Altersjahrgänge ab 90 unterrepräsentiert sind. Obwohl die meisten Deutschen in den eigenen vier Wänden alt werden möchten, ist leider das genaue Gegenteil Alltagsrealität: Der Lebensabend wird in einem Pflegeheim verbracht, das meist in andern Orten liegt.

Zur Nachhaltigkeit gehört, nicht nur das Dorf als Siedlung zu betrachten, sondern auch seinen gesamten Lebensraum, beispielsweise die gesamte Gemarkung. Am vorgestellten Beispiel wird oft schnell klar, dass die zur Verfügung stehende Fläche knapp ist. Allein 2.500 qm benötigt jeder Deutsche durchschnittlich für seine Ernährung, ca. 13.000 qm, wenn er in einem Haus mit Wärmedämmstandard 1985 mit Holz die Zentralheizung betreibt und der benötigte Wald nachhaltig bewirtschaftet ist. Das bedeutet, dass die Nutzung natürlicher Ressourcen ab mehr als 60 Einwohner/qkm schon eng wird und es deshalb überlebenswichtig ist, mit Grund und Boden sorgfältig umzugehen.

Die Nachhaltigkeit beruht auf 3 Säulen: Soziales, Natur und Wirtschaft, wobei die sozialen Beziehungen Motoren der Entwicklung sind. Deshalb ist die wichtigste Grundlage der Dorfkonzepte die aktive Bürgerplanung, also die Planung von unten (Bottom up). Gemeinsam werden die einzelnen Projekte erarbeitet und später auch gemeinsam umgesetzt. Häufige Projekte sind Dorftreffpunkt, Dorfbüro und Bürgernetzwerk, Dorfcafé mit Dorfladen. Zusammen mit dem Wunsch nach schnellem Internet steht also die Kommunikation und das Gemeinschaftserleben im Vordergrund.

Der Ablauf eines Entwicklungskonzeptes umfasst die wesentlichen Schritte 1. Dorfrundgang, 2. Dorfwerkstatt mit Stärken, Schwächen und Projektideen, 3. Arbeitskreise/Projektgruppen mit Leitbild, Vernetzung/Mehrfachnutzen und Projektsteckbriefen und 4. Bürgerplanungsrunde mit der Abstimmung Leitbild und der Priorisierung der Projekte und 5. eine Abschlussfeier. Im Hintergrund bleibt natürlich die schriftliche Erarbeitung des Konzepts, die Abstimmung mit Planungsträgern und zum Abschluss der wichtige Beschluss der Gemeinde, das fertige Konzept als Entwicklungsgrundlage anzunehmen.

Besondere Beachtung bekommt die Mitte des Dorfes und wenn es keine gibt, eine solche zu schaffen. Von einer starken Mitte profitiert auch die Umgebung und genau dies ist mit der von den ländlichen Entwicklungsprogrammen geforderten Innenentwicklung gemeint.

Wie solche Dorfmitten gestaltet werden können, zeigt der Landschaftsarchitekt Dietmar Herz mit den Arbeiten seines Architekturbüros aus Baden Baden unter der Überschrift: Dörfliche Freiräume gestalten, ein Beitrag zu mehr Lebensqualität.

Der DORV-Laden in Britzingen

Nach Beendigung des Programms gab es noch die Gelegenheit, den an den Vortragsraum angrenzenden DORV-Laden zu besichtigen. Dieser großzügig angelegte Raum lädt mit seiner Gemütlichkeit zum Verweilen ein und mit seiner Vielfalt zum Einkaufen. Die freundliche Bedienung hilft gern, die Waren in die Kasse zu tippen oder zu beraten, wenn Fragen auftauchen.

Die Atmosphäre ist angenehm und erinnert an einen Tante Emma Laden, nur ist jetzt alles moderner.

Bereichert fahren wir nach Hause und werden noch lange diesen Tag in guter Erinnerung behalten.

Danke noch mal an die Einlader/innen und an die Helfer im Hintergrund.

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